Kurze Geschichte der JEF
1. Entstehung und Entwicklung aus den Widerstandsbewegungen
In allen unseren Selbstdarstellungen kann man lesen, daß die JEF zusammen mit anderen europäischen Bewegungen aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus entstanden ist. Diese sehr allgemeine Aussage müssen wir etwas präzisieren, deshalb beginnen wir mit einer kleinen Geschichte des europäisch-föderalistischen Gedankens.
Neben dem "Manifest von Ventotene" (1941) wurden fast gleichzeitig auch andere außenpolitische Zukunftsprogramme von Widerstandsgruppen (z.B. Frankreich) bekannt, die vor allem folgende Prämissen für eine Nachkriegsordnung setzten:
"Die Geschichte lehrt uns eine ständige Ausweitung der Grenzen. Die Vereinigten Staaten von Europa - eine Etappe auf dem Wege zur Einheit der Welt werden bald die lebendige Realität sein, für die wir kämpfen" .
"Der endgültige Friede kann erst durch die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa garantiert werden. ... Der Föderalismus beugt der Gefahr einer Entwicklung zum totalitären Staat vor, weil die ... zentralen Organe ... auf die Verwaltung der allgemeinen Interessen beschränkt werden, auf die also, die in allen Nationen die gleichen sind ..." .
Bei dem letzten Zitat aus dem Föderalistischen Manifest einer französischen Gruppe wird deutlich, daß großer Wert auf einen inneren Föderalismus im Gegensatz zum Zentralstaat gelegt wird.
Innerhalb der deutschen Widerstandsbewegung sind einige Dokumente von dem sogenannten "Kreisauer Kreis" überliefert, die folgende Kernaussagen haben:
"Der Friede bringt eine einheitliche europäische Souveränität ... . Einheitlich sind mindestens: Zollgrenzen, Währung, Auswärtige Angelegenheiten einschließlich Wehrmacht, Verfassungsgesetzgebung, möglichst außerdem Wirtschaftsverwaltung" .
"Selbstverwaltung und Dezentralisierung Deutschlands ... eingebettet in ... einen Föderalismus innerhalb Europas ...mit dem Ergebnis der: Wiederherstellung des Selbstbestimmungsrechts im Rahmen der europäischen Föderation."
Alle Schriften wenden sich gegen den Nationalismus, der die totalitäre Herrschaft hervorgebracht hat und setzen sich für einen europäischen Zusammenschluß ein, um die Nationalstaaten daran zu hindern, die Menschen immer wieder von neuem in Kriege zu stürzen. Übereinstimmung besteht auch über das "Wie" der Beseitigung des "entarteten Nationalstaates", nämlich durch eine handlungsfähige übernationale Bundesregierung mit echten Kompetenzen. Mit dem zentralen Motiv der Friedenssicherung vor Augen wurde der Völkerbund, der mit seinen nur zwischenstaatlichen Mechanismen den Krieg nicht hatte verhindern können, abgelehnt und als Endziel die föderative Weltorganisation proklamiert.
Auf eine kurze Formel gebracht, hofften die Widerstandsgruppen, daß der Zusammenbruch der europäischen Nationalstaaten eine so weitgehende Wirkung zeigte, die normales politisches Verhalten nicht mehr mit nationalem politischen Verhalten zusammenfallen ließ, sondern mit europäischem politischen Handeln.
Diese dargestellten Grundüberlegungen der europäischen Widerstandsbewegungen erreichten in den europäischen Ländern einen unterschiedlichen Ausbreitungsgrad; sie als politisches Gemeingut zu bezeichnen, wäre gewagt.
2. Die Europabewegung formiert sich
Jedoch fand schon im Frühjahr 1945 ein erster Kongreß der Föderalisten in Paris statt, der dazu diente, die verschiedenen Gruppen miteinander bekannt zu machen. Einig waren sich die Anwesenden, daß man zunächst einen europäischen Zusammenschluß anstreben sollte, bevor eine Weltföderation gebildet werden könnte. Nach diesem Kongreß bildeten sich eine Reihe von Organisationen mit dem Ziel, die Idee des europäischen Föderalismus den Regierungen, PolitikerInnen und Parlamenten nahezubringen. Dazu war es notwendig, die Gruppen und Organisationen zusammenzuführen, um ihren Einfluß und ihre Präsenz zu erhöhen. Diese Formierungsphase der Europabewegung beginnt mit dem Kongreß vom 14.-21.9.46 in Hertenstein am Vierwaldstätter See. Delegierte aus Belgien, Frankreich, Italien, Griechenland, Polen, Spanien, Ungarn, den USA und den Besatzungszonen Deutschlands wählten Henri Brugmans zum Präsidenten der Versammlung. Das unter diesem Namen bekannt gewordene "Hertensteiner Programm" wird verabschiedet und es wird der Grundstein für eine europaweite Dachorganisation der Föderalisten gelegt, die am 17.12.46 zur Gründung der Union Europäischer Föderalisten (UEF) führt.
Am 27.-31.8.47 fand der erste Kongreß der UEF in Montreux statt. Der zweite sollte eigentlich in Prag stattfinden und eine Demonstration für die Einigung Gesamteuropas sein, doch dazu kam es nicht mehr; der Eiserne Vorhang machte diesen Plan zunichte.
Nach dem Hertensteiner-Kongreß formiert sich die Europabewegung auch in den Besatzungszonen. Die eigentliche Gründung der der "Europa-Union Deutschland" EUD (zunächst EU abgekürzt) erfolgte am 9.12.46 in Syke. Vorher gab es mehrere Vereinigungen, wie z.B. die "Union-Europa-Liga" in München u.ä.. Da jede Vereins- und Gruppenbildung der Lizenz der jeweiligen Besatzungsmacht bedurfte, blieb die Tätigkeit auf die drei Westzonen beschränkt.
Der erste Kongreß der EUD fand vom 21.-26.47 in Eutin statt und konnte 50 Bezirksgruppen mit nahezu 100.000 Mitgliedern verzeichnen. Spätestens seit Eutin bildeten sich Jugendringe innerhalb der EUD, deren Leiter sich im Oktober 1947 zu einem Meinungsaustausch in Göttingen trafen. Im März 1948 initiiert Erwin von Bressensdorf in Bayern die "Union Junges Europa", die sich am 30.7.48 in Bochum als UJE und junge Gemeinschaft der EUD konstituierte. Im September desselben Jahres wird ein erstes Autonomie-Abkommen zwischen UJE und EUD ausgehandelt, das nicht das einzige bleiben sollte.
Der Aufschwung der europäischen Bewegungen in der Zeit der Gründung des OEEC (Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit, gegründet zur Verteilung der Marshallplanhilfe) und der Westeuropäischen Union war unverkennbar. Der einflußreichste Vertreter einer allerdings mehr unionistischen (Staatenbund als Ziel) Richtung war Winston Churchill. Er initiierte die Gründung des United Europe Movement, um sein Ziel zu verwirklichen, Europa durch einen Rat der Regierungschefs zusammenzuführen.
Obwohl sich das Ziel der UEF (föderativer Bundesstaat) und das des UEM diametral gegenüberstanden (lockerer Staatenbund), schlossen sich beide Bewegungen (mit anderen) zusammen und bildeten ein gemeinsames Komitee (ab Oktober 1948 Europäische Bewegung/EB).
3. Gründung der BEJ
Während sich am 28.5.49 die Jugendbewegung der UEF (Juventus) in St. Goar gründet, plant die UJE ihre Umbenennung in "Bund Europäischer Jugend". Im September 1949 ist es dann soweit, der BEJ wird in Weinheim auf der Wachenburg gegründet. Die Initiative zur Gründung eines Bundesverbandes ging von bestehenden BEJ-Gruppen in den drei westlichen Besatzungszonen aus. Erster Bundesvorsitzender wird Erwin von Bressensdorf aus der amerikanischen Zone. Seine Stellvertreter sind Rüdiger Proske und Hans-Wolf Kanngiesser.
4. Sturm auf die Schlagbäume - Aktion Bundespakt - Schumanplan
1950 war ein ereignisreiches Jahr, das im Mai mit der Bekanntgabe des Schumanplanes (EGKS) begann. Dieses Abkommen beinhaltete, daß die gesamte Kohle- und Stahlproduktion Deutschlands und Frankreichs einer gemeinsamen Verwaltung unterstellt wird.
Der Koreakrieg ließ auch die europäischen Nationen über eine gemeinsame Verteidigungspolitik nachdenken, die in Verhandlungen zum EVG-Vertrag mündeten. Über diesen Vertrag und vor allem die Diskussion um den Art. 38 (Politische Union) werden wir unter einem anderen Stichwort noch berichten.
Die BEJ nutzte den Sommer 1950 zusammen mit anderen Organisationen der EB zu verschiedenen Aktionen, um die Forderung der UEF nach einem "europäischen Bundespakt" (international zu schließender Vertrag) zu unterstützen.
In vielen Grenzorten wurden Schlagbäume von Jugendlichen in Brand gesetzt und Schilder aufgestellt: "Sie bleiben in Europa". Der BEJ organisierte diese Grenzpfahlverbrennungen fast an der gesamten deutsch-französischen Grenze und war maßgeblich an den in verschiedenen Orten durchgeführten "Europawahlen" beteiligt. Für Castrop-Rauxel ergab die Abstimmung bei einer Wahlbeteiligung von 75% eine 95%ige Zustimmung für einen europäischen Bundesstaat:
Franz Josef Strauß soll sich damals als "Beschwichtiger" der jungen FöderalistInnen seine ersten politischen Sporen verdient haben, als er im Auftrag von Adenauer allzu heftig demonstrierende BEJlerInnen beruhigte. Die Aktivitäten der BEJ ließen jedoch von selbst nach, als sie merkten, daß für die verbrannten Grenzpfähle immer wieder neue bereit lagen und die offizielle Politik die Demonstrationen eher als lästig einstuften. Die jungen Menschen hatten geglaubt, im politischen Strom mitzuschwimmen und mit ihren Aktionen die PolitikerInnen zu unterstützen und aufzurütteln.
Ihren Höhepunkt erreichte die Aktion Bundespakt in der BRD mit der Annahme des von der UEF formulierten Antrages zur Schaffung eines Bundespaktes durch den Dt. Bundestag am 26.7.1950.
Außer dem "Sturm auf die Schlagbäume" stand eine weitere Großveranstaltung im Mittelpunkt der Arbeit des BEJ: Das europäische Jugendtreffen auf der Loreley, wo Tausende von Jugendlichen zusammenkamen, um sich kennenzulernen und zu diskutieren.
In den fünfziger Jahren wurden auch wichtige Entscheidungen für den Verband getroffen, die vor allem seine innere Struktur betrafen. Eine Teil der BEJlerInnen wollte den Verband als jugendpflegerisch verstanden wissen, d.h. weniger politisch agieren, sondern mehr im Bereich von Austauschprogrammen und ähnlichem. Durchgesetzt hat sich jedoch der Teil der Bewegung, der sich politisch definierte und überparteilich in die europäische Integration einmischen wollte. Manifestiert wurde dies durch die Ende der fünfziger Jahre vorgenommene Namensänderung in "Junge Europäische Föderalisten".
5. Weitere Entwicklung
Auch die in den sechziger und siebziger Jahren aufgegriffenen Themen wie Umweltschutz, Atompolitik und Friedensarbeit dokumentieren diese eindeutig politische Ausrichtung. Gerade aus den siebziger Jahren verfügen wir noch über eine Vielzahl von Ausgaben der Mitgliederzeitschrift "Forum E", die die angesprochenen Themen ausführlich behandeln (können im JEF-Büro z.T. bestellt werden).
Verfaßt wurde diese Kurzgeschichte von Claudia Kraft, im Rahmen eines JEF-Projektes.
