Die Gründung der Jungen Europäischen Föderalisten


Schlagbäume zersägen - mit dieser Aktion in den Nachkriegsjahren zeigten die jungen BEJ-ler Flagge für ein Vereintes Europa

Vom 2.-4. September 1949 kamen auf der Wachenburg bei Weinheim rund 40 junge Leute zusammen und gründeten den Bund Europäischer Jugend (BEJ), der sich auf seinem sechsten Kongress Anfang 1957 in Berlin in Junge Europäische Föderalisten umbenannte. Die jungen Leute, die sich bei strahlenden Sonnenschein hoch über Weinheim versammelten, waren voller Tatendrang: Sie wollten aktiv die Einigung Europas voranbringen und waren zutiefst unzufrieden mit der Art und Weise, wie die Erwachsenenorganisation der Föderalisten in Deutschland, die Europa-Union, arbeitete. Sie wollten Aktion, sie wollten Bildung für Europa, sie wollten ernsthafte Auseinandersetzungen und nicht nur unverbindliche Diskussionen und Vorträge. Und sie wollten keine Bevormundung durch die Älteren, sondern frei über ihre Arbeit und ihren Weg entscheiden. Trotzdem – am Ende ihrer Debatten gründeten sie den Bund Europäischer Jugend als „Junge Gemeinschaft der Europa-Union Deutschland“ in der Hoffnung, im Rahmen des Gesamtverbandes genügend Freiraum für die Arbeit zu erhalten und umgekehrt auch wirksamen Einfluß auf den Verband der Erwachsenen ausüben zu können.

 

Viele von denen, die auf die Wachenburg gekommen waren, hatten schon Erfahrungen sammeln können im Rahmen der föderalistischen Bewegung. Schon auf dem ersten Kongress der Europa-Union in Eutin vom 21.-23. Juni 1947 wurde mit Heinz Kosfeld ein Jugendbeauftragter ernannt, und in der Folgezeit bildeten sich Jugendringe bzw. Jugendgruppen der EU. Auch in anderen Europa-Verbänden, die nach dem Krieg unabhängig voneinander in Deutschland entstanden waren, bildeten sich Jugendgruppen. Am 25.-26. Oktober 1947 fand in Göttingen eine Konferenz unter Vorsitz von Erwin Buchmeister statt, auf der sich Jugendgruppen des Eurpa-Bundes und der Europa-Union zur Union Junges Europa (UJE), vereinigten. Diese Verselbständigung der Jugend gefiel nicht allen, insbesondere der damalige Präsident der Europa-Union, Wilhelm Hermes (der auch erheblichen Widerstand gegen die Vereinigung der föderalistischen Gruppen in Deutschland leistete und schließlich Mitte 1948 seines Amtes enthoben wurde) stand einem selbständigen Jugendverband ablehnend gegenüber.

 

Die Idee eines weitgehend selbständigen Jugendverbandes viel vor allem in Bayern auf günstigen Boden, wo ein junger Südtiroler – Erwin von Bressendorf – besondere Aktivitäten entfaltete und bereits am 18. September 1948 ein Abkommen aushandelte über das Verhältnis EU/UJE mit Joachim Berringer, einem Mitglied des Dreierpräsidiums, das nach der Amtsenthebung von Wilhelm Hermes die EU leitete, das für den Landesverband Bayern bereits am 1. Oktober 1948 in Kraft trat. Unabhängig von dieser Entwicklung wurde von der Schweiz aus die Gründung einer Jugendorganisation der UEF Juventus betrieben, die – Pressemitteilungen zufolge – einen internationalen Kongress vom 20. Dezember 48 - 1. Januar 49 auf Burg Stahleck am Rhein veranstaltete. Auch an anderen Orten wurden internationale Jugendbewegungen durch die Europa-Union durchgeführt, so etwa vom 15. - 18. Mai 1948 auf Burg Cochem.

 

Nachdem die Vereinigung der Europa-Verbände in Deutschland im März 1948 abgeschlossen und die „Hermes-Krise“ Mitte 1948 überwunden war, trat ein Ereignis ein, das für Monate die Arbeit freier Verbände stark behinderte: Die Währungsreform fegte alle Kassen leer. So konnte die Europa-Union ihren ordentlichen Kongress erst vom 19.-22. Mai 1949 mit großen Schwierigkeiten in Hamburg veranstalten, der in die Geschichte der EU als erster Kongress der EU einging, womit sie alles Vorhergehende, auch den Eutiner Kongress, praktisch zur Vorgeschichte erklärte.

 

Als schließlich die Einladung an die Union Junges Europa und die Jugendgruppen der Europa-Union zum Treffen auf der Wachenburg erging, stand man auch hier vor ähnlichen Problemen. Nach heftigen Debatten entschloss man sich, einen Neuanfang zu machen, den Namen Union Junges Europa fallen zu lassen und den Bund Europäischer Jugend zu gründen und wählte Erwin von Bressendorf zum ersten Vorsitzenden.

 

Die Delegationen aus den Landesverbänden waren schon relativ repräsentativ. Friedrich von Friedeburg und Walter Steinrücke aus Hamburg, Margot Rothe aus Bremen, H. Fickerment und einige andere aus Nordrhein-Westfalen, Adolf Kanter aus Rheinland-Pfalz, I. Stenger, H. Lang, H.J. Kasperczik und der Autor dieses Artikels aus Hessen, der Taxiunternehmer Tomka aus Baden, E. von Bressensdorf, Burkhard Holzner, Heinz Hahn und Ingrid Friedrichsen aus Bayern – um nur einige Namen zu nennen – waren unter den Mitbegründern. Aus anderen Bundesländern waren Zustimmungsschreiben gekommen. Höhepunkt des Treffens war das Referat des Schweizers Ernst von Schenck, ein weiteres Referat hielt der gerade in den Bundestag als parteiloser liberaler Kandidat gewählte Weinheimer Fabrikant Richard Freudenberg (der wohl auch finanziell die Gründungsveranstaltung unterstützte).

 

Es soll nicht verschwiegen werden, dass schon auf der Wachenburg und danach verstärkt Spannungen über die praktische Arbeit auftraten. So wollte eine Gruppe unter Führung von Erwin von Bressendorf einen möglichst unabhängigen Verband junger Leute, um aktiv in die Politik einzugreifen, andere legten mehr Wert auf Europäische Aktionen, Bildung und Information für und über Europa. Als Erwin von Bressendorf mit den Vorsitzenden der parteipolitischen Jugendverbände ebenfalls auf der Wachenburg am 13. Juni 1950 den Deutschen Jungen Rat der Europäischen Bewegung gründete, kam es zu Auseinandersetzungen, die dazu führten, dass auf dem zweiten Kongress des BEJ vom 1.-3. Juni 1951 anstelle von Erwin von Bressendorf der Redakteur Rüdiger Proske, – Mitarbeiter der Zeitschrift Frankfurter Hefte, herausgegeben von Eugen Kogon, dem damaligen Präsidenten der Europa-Union – gewählt wurde.

 

Aber trotz dieser Spannungen – die in der einen oder anderen Form den BEJ und die spätere JEF immer begleiteten, waren die ersten Jahre des BEJ – zunehmend auch in Gemeinschaft mit der internationalen JEF, die ihren ersten Kongress am 18. und 19. November 1950 in Straßburg abhielt – voller Aktivität, wobei die Träger der Arbeit vor allem die Landesverbände waren. Am 6. August 1950 verbrannten 300 Junge Europäer bei St. Germershof (Pfalz) die Grenzpfähle – ein Bild das um die Welt ging – drei Monate später demonstrierten 5000 vor dem Europarat in Straßburg, die ebenso wie die Delegierten des II. Europäischen Jugendforums in München – veranstaltet vom Landesverband Bayern – (11.-13.8.1950) ohne Pass und Visum über die Grenze gekommen waren. Im September 1950 fand die große E-Aktion statt, in der in vielen Städten Deutschlands über Nacht große grüne E’s an die Wände vom BEJ gemalt worden waren. Im Dezember 1950 wurde die Insel Helgoland besetzt um gegen britische Bombenabwürfe zu protestierenm der BEJ Schleswig-Holstein und Hamburg waren dabei. Als ab Oktober/November 1950 die Europa-Union die Ausstellung „Europa Ruft“ in fünf Ausfertigungen durch die Lande schickte, stellte der BEJ die Begleitmannschaften. Im November 1950 gründete der Landesverband Hessen die Monatszeitung Junges Europa, die bis November 1953 erschien. Beim großen Europäischen Jugendlager auf der Loreley vom 22. Juli bis 6. September 1951 waren BEJ- und UEF-Leute die zentralen Multiplikatoren, bei der Europäischen Jugendwoche in Fritzlar vom 12.-18.8.1951 zählte der BEJ zu den Mitveranstaltern. Aus dem Landesverband Rheinland-Pfalz heraus wurde gemeinsam mit dem Bundesverband des BEJ die Gründung des Europa-Hauses Marienberg vorangetrieben – als ein Ort der Begegnung und der Europäischen Bildung, das am 21. Oktober 1951 offiziell eröffnet wurde und das in den Sommermonaten die Tradition des Loreleylagers als „Kleine Loreley“ für viele Jahre weiterführte. Und schließlich gründeten Mitglieder des BEJ 1953 die Europäische Aktionsgemeinschaft (die heutige EBAG), die unzählige Aktionen und Europa-Wochen veranstaltete und die vor allem in den ersten Jahren die Bücher und Broschüren, die der BEJ herausgab, betreute bzw. verlegte.

 

Es waren Jahre voller Aktionen, Begegnungen, Schulungskursen, Auslandsreisen und intensiver Informationsarbeit, Jahre der Hoffung auf baldige Schaffung eines Europäischen Bundesstaates, die einen jähen Rückschlag erlitt, als die französische Nationalversammlung Ende August 1954 den Vertrag über die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und der mit ihr verbundenen Eurpopäischen Politischen Gemeinschaft ablehnte. Auch für den BEJ war dies ein harter Schlag, denn viele Mitglieder verloren das Interesse und traten aus. Für alle Europäischen Verbände begann damals ein neues Kapitel ihrer Arbeit.