Den Ausgangspunkt bildete die Podiumsdiskussion mit ausgewählten Gästen aus Politik und Wissenschaft. Auf dem Podium waren Lars Becker, Vorsitzender der JEF Deutschland, Jutta Steinbrück, MdEP (SPD), Prof. Dr. Thomas Diez von der Eberhard–Karls Universität Tübingen und Johannes Jung, dem ehemaligen Bundestagsabgeordneten und Leiter der Landesvertretung Baden-Württembergs in Brüssel, zu Gast. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Céline Rehring, Mitorganisatorin und Vorsitzende der JEF Karlsruhe, sowie Martin Renner, stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Europäer – JEF Baden-Württemberg.
Lars Becker forderte eine bessere Nachvollziehbarkeit der Europäischen Union durch transparentere Strukturen. Transparenz wäre durch eine europäische Regierung gegeben, die mit bekannten und einfacher nachvollziehbaren Strukturen ein Leitbild für Europa darstellen könne. „Eine europäische Regierung muss also unser Ziel sein“.
Jutta Steinruck, MdEP (SPD), trat für „mehr europäisches als nationales Denken“ ein. Ihre konkreten Forderungen bezogen sich auf das Europäische Parlament. Dieses müsse mit dem Rat auf gleicher Augenhöhe sein. Die demokratisch gewählten Gremien sollen einen stärkeren Einfluss in die Entscheidungsprozesse bekommen, denn „Europapolitik darf nicht nur Hinterzimmerpolitik sein“.
Prof. Dr. Thomas Diez von der Eberhard–Karls Universität Tübingen betonte die Wichtigkeit der verschiedenen europäischen Kulturen, da politische Strukturen auch durch kulturelle Gegebenheiten geprägt sind. In diesem Punkt war er sich mit Johannes Jung, dem ehemaligen Bundestagsabgeordneten und Leiter der Landesvertretung Baden-Württembergs in Brüssel, einig. Diez warnte vor einer Vereinheitlichung der 27 Mitgliedsstaaten. Er wies darauf hin, dass derzeit schon ein föderales System in der Europäischen Union bestehe und die Frage, wie das Konstrukt am Ende aussehe, zweitranging sei. „Wir brauchen nicht unbedingt einen Bundesstaat, denn Problemlösungsstrategien stehen im Vordergrund“. Das System müsse unter normativen Gesichtspunkten legitim sein. Dies könne nicht durch ein einheitliches System erreicht werden. Verschiedenen Kulturen bräuchten Zeit um sich anzunähern, falls dies überhaupt jemals passieren werde, so Diez.
Die Rolle der Medien sahen alle Teilnehmenden als in Zukunft noch weitaus wichtiger werdende Komponente an. Eine europäische Diskussion über europäische Themen sei der Schlüssel für die Bildung einer europäischen Öffentlichkeit, so Diez. Dies müsse nicht unbedingt an der Sprachenvielfalt scheitern, denn eine parallele Diskussion in den Medien sei derzeit so ausgeprägt wie nie und stelle einen Anfang in der Entwicklung hin zu einer vielfältigeren europäischen Diskussionskultur dar. Dies könne man gerade jetzt an der Art und Weise der Berichterstattung in der Präsidentenwahl Frankreichs sehen.
Am Ende der Podiumsdiskussion waren sich alle einig, dass die weitere europäische Integration das anzustrebende Ziel sei. In wie fern eine Annäherung der Kulturen noch stattfinden kann, muss die Zeit zeigen. „Man müsse sich wieder bewusst machen, was das Ziel der Europäischen Union war und ist, Frieden und Sicherheit für alle“, so Diez. „Europa ist die Lösung, nicht das Problem. Das darf man nur nicht zu oft vergessen.“
Visionäre Höhenflüge und praktische Tipps
Am Samstag früh starteten die TeilnehmerInnen gut gelaunt und durch die Podiumsdiskussion bestens auf die Thematik eingestimmt in die Workshops. Die 1. Runde drehte sich je nach Wahl um die Finanzkrise oder die EU-Außenpolitik. Mit Hanno Degner, Doktorand am Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der Universität Konstanz, machte sich der eine Teil der Gruppe an die tiefere Beschäftigung mit der Finanzkrise. Eva Schwerwitz, Doktorandin am Institut für Politikwissenschaft in Tübingen, beleuchtete die Frage nach der Zukunft einer Außenpolitik der Europäischen Union genauer. Visionären Gedankenexperimenten war hier keine Grenze gesetzt.
Die 2. Runde bot drei verschiedene Workshops an, die es ermöglichten, in kleineren Gruppen detaillierter zu diskutieren. Die TeilnehmerInnen hatten somit drei Stunden Zeit, sich über die Vision des europäischen Bundesstaates zu unterhalten und sich darüber die Köpfe zu zerbrechen.
Nach diesem vielfältigem Programm, das auch eine kleine Pause im wunderschön sonnigen Schlossgarten beinhaltete, machte sich die Gruppe am Abend auf in die Innenstadt. Das Scheitern des FC Bayern im Champions League Finale war zwar durchaus hart und entlockte dem ein oder anderem Fan eine kleine Träne, konnte aber die gute Stimmung nicht trüben. Wer doch emotional etwas angeschlagen war, wurde mit leckerem badischen Bier und einer Falafel getröstet.
Auch der Programmpunkt am Sonntagvormittag regte zu spannenden Diskussionen an. Die Studienleiterin des Internationalen Forums Burg Liebenzell e.V., Gertrud Gandenberger, konnte die TeilnehmerInnen für ihre Methodenschulung begeistern. Sie lieferte praktische Hilfsmittel für die Arbeit rund um das Thema Europa und Europäische Union. Am frühen Sonntagnachmittag verabschiedete man sich mit einem rundweg positiven Feedback. Einzig die Tatsache, dass ein solches Wochenende allen wie so oft viel zu kurz erschien, schmälerte die Stimmung.
Gefördert wurde die verband:stoff Akademie vom
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und dem
Staatsministerium Baden-Württemberg. Wir bedanken uns bei allen Mitwirkenden, die zum Gelingen der Akademie beigetragen haben, und freuen uns auf die nächste Veranstaltung!




